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Wildschaden verhüten geht vor vergüten

Richtwerte zur Ermittlung von Aufwuchsschäden in landwirtschaftlichen Kulturen sind eine wertvolle Hilfe für Wildschadenskalkulationen. Noch hilfreicher ist eine wirksame Schadensverhütung, um Schäden gar nicht erst entstehen zu lasse. Neben der Darstellung der aktuellen Richtwerte, erörtert Dr. Günther Lißmann, Regierungspräsidium Kassel, auch Möglichkeiten zur Wildschadensverhütung.

Hat der Jagdpächter im Jagdpachtvertrag die gesetzliche Wildschadenshaftung übernommen, muss er entstandene Wildschäden, wenn diese von Schalenwild, Wildkaninchen oder Fasanen verursacht wurden, ersetzen. Das sich daraus ergebende Haftungsrisiko aber auch seine Hegeverpflichtung gemäß § 1 Abs. 2 Bundesjagdgesetz (BJG), mit dem Ziel Wildschäden möglichst zu vermeiden, sind Ansporn genug, alle Möglichkeiten zur Wildschadensverhütung zu nutzen. Wildschadensverhütung wird nicht nur vom Jagdpächter gefordert, sondern auch vom Landwirt. Der § 32 BJG ist sinngemäß so zu interpretieren, dass der bewirtschaftende Landwirt Schutzvorkehrungen ermöglichen muss und diese zu dulden hat. Der § 254 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) „Mitverschulden“ geht noch weiter und fordert an der Schadensverhütung mitzuwirken. Je nach Schadensanfälligkeit der Kultur ist laut BJG ein Mehr oder Weniger an Mitwirkungspflicht zu verlangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger für Wildschadensregulierung

 

Wildschadensverhütung

Wirksame Wildschadensverhütung besteht nicht aus einer Maßnahme sondern aus der Vielzahl von Aktivitäten, die nur zusammen auf Dauer zum gewünschten Erfolg führen. Das Schwarzwild ist Problemwildart Nummer eins bei den Feldwildschäden. Für seine erfolgreiche Bejagung müssen die jagdtechnischen Möglichkeiten in vollem Umfang genutzt und die nötige Motivation dafür geschaffen werden. Schwarzwild sollte im Wald nur an wenigen Tagen im Jahr aber dann konsequent, im Rahmen von gut organisierten Bewegungsjagden auf die angestrebte Wilddichte reduziert werden. Darüber hinaus muss für Schwarzwild im Wald Ruhe herrschen aber im Feld die ganzjährige Jagd eröffnet sein. Sind im Wald noch entsprechende Ablenkfütterungen mit Suhlen, Althölzern zum Brechen und einer Äsungsfläche vorhanden, gibt es für das Schwarzwild an 360 Tagen im Jahr weniger Gründe im Feld und hier insbesondere auf Grünland sowie im Mais Schäden anzurichten. Mit Mais bebaute Wildäcker an geeigneten Waldanschlussflächen sind eine gute Ergänzung. Sie eignen sich nicht nur um Strecke zu machen, sie halten auch die Schwarzkittel vom teuren Mais der Landwirte fern. Alle jagdlichen Maßnahmen, einschließlich großzügig angelegter Bejagungsschneisen in großen Maisschlägen, können Schäden in gefährdeten Revierbereichen jedoch nicht völlig verhindern. Zusätzlich ausprobieren kann man Vergällungs- und Verstänkerungsmittel sowie optische und akustische Wildscheuchen. Bei diesen Mitteln tritt beim Wild aber schnell eine Gewöhnung ein und sie sind somit nur in Randbereichen und auf weniger gefährdeten Flächen einsetzbar. Als bewährter und wirksamer Wildschadenschutz sind gerade in Waldnähe, Elektrozäune zu empfehlen.

Zäunung

Insbesondere für Mais, nach der Aussaat und ab der Milchreife, ist ein guter und fachkundig aufgestellter Elektrozaun eine zuverlässige Wildschadensabwehr. Voraussetzung ist ein hochwertiges und leistungsfähiges Weidezaungerät. Für längere Zäune im Dauerbetrieb sind 12-Volt-Akkugeräte zu empfehlen. Zur Wildschadensabwehr sollte die Spannung in allen Bereichen des Zaunes mindestens 4.000 Volt, besser 8.000 Volt betragen. Als Zaunpfähle haben sich Kunststoffpfähle bewährt, welche sich leicht transportieren lassen und einen schnellen Aufbau ermöglichen. Der Pfahlabstand sollte 6 m nicht überschreiten. Für die Ecken sollten dicke Holz- oder spezielle Kunststoffpfähle, die sich nach dem spannen des Zaunes nicht schief ziehen, verwendet werden. Gerade an den Ecken müssen die Pfähle gut verankert sein, damit die Zaunspannung erhalten bleibt. Für die Bespannung sind zwei, besser drei Drähte erforderlich. Die Drähte/Litzen sollten auf etwa 20, 50 und 80 cm angebracht werden. Bewährt haben sich Kunststofflitzen mit 1 cm Breite. Der Zaum ist dann für Wild gut sichtbar und verhindert sowohl eine Unterquerung als auch ein Überspringen. Alle 50 m werden die Litzen miteinander verbunden um einen gleichmäßigen Stromfluss zu gewähren. Voraussetzung für die dauerhafte Funktionstüchtigkeit ist eine regelmäßige Kontrolle und das Freihalten des Zaunes vor Bewuchs. Hier können mechanische Geräte oder auch zugelassene Herbizide zum Einsatz kommen.

 

Herkömmliches Draht- bzw. Litzensystem                                                                          Fotos: Lißmann 

Vormontierte Zaunelemente

Die führenden Hersteller mobiler Zaunsysteme bieten inzwischen eine sehr ausgereifte Zaun- und Batterietechnik an. So gibt es vormontierte Systemteile, die sich als Netz- oder Litzensystem mit eingebauten Stangen und mitgeliefertem Haspel, zeitsparend auf- und abbauen lassen. So ist mit vertretbarem Zeitaufwand und bei überschaubaren Kosten eine wirksame Wildschadensabwehr möglich. Wenn sich Bewirtschafter und Jagdpächter dann noch zusammenraufen und gemeinsam die Zäunung vornehmen und die Jagdgenossenschaft sich an den Kosten zur Beschaffung des Zaunmaterials beteiligt, ist ein wichtiger Schritt zur Wildschadensabwehr getan. Die Zäunung ist einerseits zwar mit Zeit- und Kostenaufwand verbunden, zählt aber bei fachgerechtem Aufbau zu den wirksamsten Maßnahmen der Wildschadensverhütung.

 

Vormontierte Zaunelemente für schnellen Aufbau

Greening

Zukünftig werden die Landwirte, wenn sie ihre Flächenprämien voll ausschöpfen wollen, um Greeningmaßnahmen auf voraussichtlich 5 % der Ackerflächen nicht vorbei kommen. Diese ökologischen Vorangflächen können sehr gut für Maßnahmen der Wildschadensverhütung eingesetzt werden. Landwirte haben damit eine ideale Möglichkeit an wildschadensbefangenen Waldrandlagen entsprechende Ackerrandstreifen als Greeningflächen zu reservieren. Der Jagdpächter seinerseits könnte darauf Äsungsflächen anlegen und zwischen Maisfeldern und angrenzendem Wald solche Streifen als Bejagungsschneisen nutzten. Bei entsprechender Pflege ist auf solchen Streifen ein- und auswechselndes Wild zu kontrollieren und solche Randstreifen bieten auch genügend Platz, um gerade zwischen Wald und Feld, bei wildschadensgefährdeten Kulturen entsprechende Elektrozäune zur zuverlässigen Wildschadensabwehr zu installieren.

Zäune sind zu dulden

Laut Urteil des Landgerichts Koblenz vom 21.05.2010 kann ein Geschädigter kein Wildschaden verlangen, „… wenn er vom Jagdausübungsberechtigten zur Abwehr von Wildschäden getroffene Maßnahmen, wie beispielsweise einen Elektrozaun, unwirksam macht. Ebenso werde behandelt, wer die Errichtung von Schutzmaßnahmen von vornherein ohne triftigen Grund untersagt“. Beispiele für eine schuldhaft herbeigeführte Unwirksamkeit sind: Der Zaun wird vom Bewirtschafter zerstört und nicht umgehend repariert. Ein Zaun wird für die Bewirtschaftung geöffnet und vergessen zu schließen. Der Bewirtschafter sieht, dass der Zaun defekt ist und er hält es nicht für nötig, ihn zu reparieren oder den Schaden dem Jagdpächter mitzuteilen. In gleicher Weise ausgeschlossen ist der Ersatzanspruch, wenn der Landwirt die Errichtung eines Schutzzaunes ohne triftigen Grund verbietet oder die Erstellung eines Zaunes unmöglich macht. Letzteres gilt insbesondere, wenn der Jagdausübungsberechtigte sich bereit erklärt, den durch die Schutzmaßnahme entstehenden Ernteausfall zu ersetzen. Dieser Fall ist z. B. gegeben wenn für die wirksame Erstellung eines Zaunes, eine Reihe Mais vorher zu entfernen ist. Darüber hinaus ist die Freihaltung der Randflächen, die nicht zum bewirtschafteten Grundstück gehören, eine Selbstverständlichkeit.

Dr. Günther Lißmann, September 2018