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60 Jahre Agrarpolitik    - Von der Ernährungssicherung zum Weltmarkt -

Nur wer die Vergangenheit kennt und die Gegenwart interpretieren kann, wird für die Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen. Die Agrarpolitik der vergangenen 60 Jahre verfolgte sehr unterschiedliche Ziele, die aus den jeweiligen Situationen heraus jedoch nachvollziehbar waren.

 

 

 

                            Getreideernte um 1956                                                        Getreideernte  heute

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den erlebten Hungerjahren, stand die Ernährungssicherung an oberster Stelle. Der Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands konnte nur gelingen, wenn die Bevölkerung satt zu essen hatte. An diesem Generalziel orientierten sich alle agrarpolitischen Entscheidungen.

Maßnahmen wie: Gründung von Kammern mit dem Ziel für landwirtschaftliche Betriebe eine optimale Ausbildung und Beratung anzubieten. Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahre 1957 (EWG: D, F, I, HOL, B und LUX). Ab dem Jahr 1962 entwickelt die EWG einen gemeinsamen Agrarmarkt mit Garantiepreissystem, Außenschutz und Förderprogrammen für die Landwirtschaft. Alle diese Maßnahmen verfehlten nicht ihre produktionssteigernde Wirkung.

 

Ernährungssicherung

Die Landwirtschaft entwickelte sich von 1946 bis 1970 prächtig und steigerte die Nahrungsmittelproduktion Jahr für Jahr um 2 bis 3 Prozent. Das Betriebswachstum rückte so richtig in das Bewusstsein, als im Jahre 1968 der Mansholtplan verkündet wurde, demzufolge sollten Ackerbaubetriebe 100 ha bewirtschaften, Milchviehbetriebe 60 Kühe halten und Schweinemäster 1.000 Mastplätze haben.

 

Agrarüberschüsse

Ab den 70er Jahren gab es erste Anzeichen von Überschüssen, die sich in den 80er Jahren zu einem massiven Problem ausweiteten. Das für die Agrarproduktion so erfolgreiche Garantiepreissystem wurde aber noch nicht aufgegeben, sondern es wurde mit Maßnahmen wie Mitverantwortungsabgaben, Nichtvermarktungsprämien, Vorruhesandsregelungen und Milchkontingentierung versucht gegen zu steuern. Das Problem der hohen Marktordnungskosten und der Überschüsse konnte die EU-Kommission in der Folgezeit nicht lösen. Die Marktstützungsmaßnahmen wurden zu einer nicht mehr tragbaren Belastung für das EU-Agrarbudget und zudem forderten GATT bzw. später WTO zunehmende Handelsliberalisierungen.

 

Preispolitik passe

Ab dem Jahr 1992 war das für die Produktionssteigerung so bewährte System mit Garantiepreisen, Außenschutz, Intervention und Exporterstattung nicht mehr zu halten. Mit der ab 1993 gültigen McSharry Reform wurde ein grundlegender agrarpolitischer Kurswechsel vollzogen. Weg von der Marktpreisstützung und hin zu Weltmarktpreisen, mit Direktzahlungen als Einkommensausgleich für die zukünftig erheblich niedrigeren Produktpreise, war die neue Devise.

Der Weg zu Weltmarktpreisen erfolgte über die schrittweise Absenkung der Interventionspreise.

Die Direktzahlungen gab es zunächst als Flächenprämien, differenziert nach Kulturarten und Tierprämien differenziert nach Tierarten. Dazu gab es noch eine verpflichtende 5- und später 10-prozentige Flächenstilllegung mit entsprechender Stilllegungsprämie.

In den WTO-Verhandlungen Anfang 2000 wurde dann zunehmend eine Entkoppelung der produktbezogenen Tier- und Flächenprämien gefordert.

Mit der Agenda 2000 und insbesondere mit der folgenden Halbzeitprüfung, wurde die Entkoppelung der produktbezogenen Prämien beschlossen. Im Jahre 2003 hat der EU-Agrarministerrat die im Jahre 1984 eingeführte Milchquotenregelung letztmalig bis zum 31.03.2015 verlängert. Das Ende der Milchquote am 31.03.2015 ist inzwischen amtlich.

 

Einheitliche Flächenprämien

Im Zeitraum von 2005 bis 2013 werden die bisherigen noch produktbezogenen Prämien, mittels Kombimodell im „Gleitflug“, in einheitliche Zahlungsansprüche für Acker- und Grünland umgewandelt. Ab dem Jahr 2013 gibt es dann keine unterschiedlichen Prämien (ZA) mehr für Acker- und Grünlandflächen sowie TopUp-Aufschläge, abgeleitet aus den früheren Tierprämien, sondern nur noch einheitliche Flächenprämien für landwirtschaftliche Nutzflächen (LF).

Im Jahre 2005 wurde Cross Compliance eingeführt. Dies beinhaltet eine systematische Überprüfung der Prämien beantragenden Betriebe auf die Einhaltung einer umweltgerechten Wirtschaftsweise. Begründet wurde diese Maßnahme damit, dass Direktzahlungen an die Landwirtschaft, gegenüber der Gesellschaft nicht mehr mit der historischen Preissenkung von 1992 begründet werden konnten, sondern heute nur noch mit der konsequenten Einhaltung von Produktionsstandards im Umwelt-, Natur-, Tier- und Lebensmittelschutz legimitiert werden können.

 

Fazit

Die deutsche und EU-Landwirtschaft hat die Nahrungsmittel-Mangelsituation der Nachkriegszeit in wenigen Jahren durch nachhaltige Produktionssteigerungen beseitigt. Durch konsequente Nutzung des technischen, organisatorischen und biologischen Fortschritts wurde die Produktivität in der Landwirtschaft in den vergangenen 60 Jahren um das 15-fache gesteigert. Die inzwischen weitestgehend liberalisierten Weltagrarmärkte, erzwingen von den Marktteilnehmern eine weltweite Konkurrenzfähigkeit. Wenn die nationalen und EU-Rahmenbedingungen stimmen, können die deutschen Fortschrittsbetriebe im globalen Wettbewerb gut mithalten.

Die Zukunft der deutschen und EU-Landwirtschaft liegt deshalb in einer nachhaltigen Produktivitätssteigerung unter Einsatz modernster Produktionsverfahren. Nur so kann unsere Landwirtschaft an der Dynamik der Weltagrarmärkte teilnehmen und einen wirksamen Beitrag zur Welternährung leisten.

Gerade in Deutschland bieten Ausbildungsstand in der Agrarwirtschaft, Bodenqualität und Klima dafür beste Voraussetzungen.

 

Dr. Günther Lißmann, Kassel 2014