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Flächenverbrauch und wachsende Weltbevölkerung befinden sich auf Kollisionskurs

 

1   Unendlicher Ressourcenverbrauch auf endlicher Erde

Der Verbrauch unserer endlichen Ressourcen wächst noch schneller als die Weltbevölkerung. Die Endlichkeit unverzichtbarer Rohstoffe wie Erdöl, verschiedene Metalle und mineralische Dünger sind absehbar. So werden beispielsweise für die Bodenschätze Kupfer, Zinn, Zink, Eisenerz, Phosphor und Erdöl Restverfügbarkeiten von 40 bis 100 Jahre prognostiziert. Neben dem zwingenden nachhaltigen Umgang mit den endlichen Bodenschätzen insgesamt sowie dem Schutz von Luft und Wasser, gehört unbedingt auch der weltweite Erhalt der Agrarböden zu den ebenfalls elementaren Voraussetzungen für das Überleben einer weiter wachsenden Weltbevölkerung. Die folgenden Ausführungen erörtern die existentielle Bedeutung der landwirtschaftlichen Fläche (LF). Nur ein konsequenter Schutz der Agrarflächen vor Versiegelung, Kontaminierung und Erosion kann das Überleben der Menschheit nachhaltig sichern.

 

  

Agrarflächen sind unentbehrlich für:

 Nahrungs- sowie Futtermittelproduktion und damit unverzichtbare Basis für die Ernährung der Menschen.

  1. Erzeugung regenerativer Bioenergie und nachwachsender Rohstoffe (Nachhaltigkeit)
  2. Natur- und Artenschutz sowie für die Erhaltung der Biodiversität insgesamt,
  3. staatliche Absicherung der Selbstversorgung,
  4. Trinkwasserneubildung, Klimaregulator und riesiger Kohlenstoffspeicher.
  5. die wirtschaftliche Existenz der Landwirtsfamilien und damit für die Erhaltung der Wirtschaftskraft im ländlichen Raum.

Das Ökosystem Boden vor fortschreitender Versiegelung und Funktionsverlust infolge weltweiter Umweltzerstörung zu schützen, ist eine der primären Menschheitsaufgaben, um das Überleben im 21. Jahrhundert zu sichern.

 

Warum benötigen wir den konsequenten Schutz unserer Agrarflächen?

Die noch verfügbare Ackerfläche der Erde muss heute für eine Weltbevölkerung von 7,6 Milliarden Menschen ausreichen. Für das Jahr 2050 werden nach einer Studie der Vereinten Nationen 10 Milliarden Menschen erwartet. Trotz demographischem Wandel mit einem Bevölkerungsrückgang in vielen Staaten Europas, ist das Wachstum der Weltbevölkerung insbesondere in Asien, Afrika und Latein Amerika ungebrochen. Die Philosophie von Wohlstand auf Kosten der endlichen Ressourcen und der nachfolgenden Generationen ist nicht zukunftsfähig. Die dringlichste Aufgabe muss sein, einen Übergang zu schaffen, aus der jetzigen Dominanz der Ressourcenverschwendung, hin zu einer nachhaltigen und dauerhaft tragbaren Wirtschaftsweise.

Ackerfläche pro Kopf schwindet

Die verfügbare Ackerfläche (AF) liegt heute weltweit nur noch bei 0,20 ha pro Person. Bei dem prognostizierten Bevölkerungswachstum bis zum Jahre 2050 werden pro Person nur noch 0,15 ha  AF zur Verfügung stehen. Die Europäische Union (EU) mit 27 Mitgliedsstaaten verfügt über einen hohen Ackerflächenanteil und weltweit über die besten Agrarstandorte, aber auch hier entfallen auf jeden Einwohner nur 0,20 ha AF, mit fortgesetzt fallender Tendenz Weder in Deutschland noch in der EU wird eine Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln erreicht. Unter Berücksichtigung der Importe und Exporte von Nahrungs- und Futtermitteln, kommt Deutschland auf eine SV von 89 %. Schätzungen gehen davon aus, dass für die gesamte EU Nahrungs- und Futtermittel sowie Naturfasern und Bioenergie in einem Flächenumfang von 20 bis 30 Millionen ha außerhalb der EU beansprucht werden. Das ist Landraub zum Nachteil der armen Länder. Neben dem Klimawandel frisst der Wohlstand zunehmend das beste Agrarland, durch die massive Ausdehnung der Siedlungs-, Verkehrs- und Freizeitflächen. Das trifft insbesondere für die Schwellenländer zu, aber bedauerlicherweise auch für wohlhabende Länder wie beispielsweise Deutschland und die USA.

In den Schwellenländern wird der Agrarflächenverbrauch mit dem Bevölkerungs- und dem benötigten Wirtschafts- bzw. Einkommenswachstum begründet. In Deutschland zieht diese Begründung für den massiven Flächenverbrauch nicht, denn hier gab es in den vergangenen 20 Jahren weder ein Bevölkerungswachstum noch ein nennenswertes reales Einkommenswachstum. Dennoch sind in dieser Zeitspanne in Deutschland rund eine Million Hektar Agrarfläche unwiederbringlich verlorengegangen und der Trend hält weiter an. Ein ausreichendes Problembewusstsein für die immer knapper werdenden Bodenressourcen ist weder in Deutschland noch weltweit vorhanden, um eine Trendwende einleiten zu können.

 

 

Die Schere zwischen wachsender Weltbevölkerung und der verfügbaren Ackerfläche pro Kopf der Bevölkerung öffnet sich dramatisch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3   Ursachen für die Zerstörung von Agrarflächen

Urbanisierung: Aus der stetig fortschreitenden Verstädterung sowie Globalisierung und Wachstum der Wirtschaft resultieren zum einen, der anhaltende Bau von Wohn-, Büro-, Gewerbe- sowie Industrieanlagen und zum anderen die ungebremste Entwicklung großer Infrastruktur- sowie Freizeitprojekte. Da sich aus historischen Gründen Siedlungen fast ausnahmslos in landwirtschaftlich ertragreichen Gebieten entwickelt haben, befinden sich die städtebaulichen und industriellen Agglomerationen heute weltweit auf den besten Agrarböden. Sie dehnen sich darauf kontinuierlich aus und entziehen damit Jahr für Jahr tausende von Hektar hochwertiger Ackerböden der Nahrungsmittelproduktion. Die Rhein-Main-Neckarregion, München, Paris und Shanghai sind nur einige typische Beispiele dafür. Die Reihe der betroffenen Groß- und Kleinstädte könnte endlos fortgesetzt werden.

Eine weitere Ursache ist die weltweite Agrarflächenvernichtung durch Klimawandel und Umweltzerstörung. Dazu gehören vor allem Wasser- und Winderosionen, Versalzung, Entwaldung (Brandrodung der Regenwälder), Überweidung, Ausdehnung der Wüstengebiete und Überschwemmungen.
In den Ballungszentren der Entwicklungsländer sind Boden- und Gewässerkontaminationen durch Abwässer und Industriemüll ein wachsendes Problem. Böden werden für den Anbau von Nahrungsmitteln unbrauchbar und der Fischbestand in Flüssen und Seen sinkt infolge von Verschmutzung und Eutrophierung dramatisch (Beispiel: Viktoriasee in Uganda).

Insbesondere in Westeuropa trägt die Umnutzung von Agrarflächen zu Naturschutz- und Kompensationsmaßnahmen zusätzlich zur Ackerflächenreduzierung bei. Diese Projekte stellen zwar keine Vernichtung der Ackerflächen dar, entziehen sie aber mehr oder weniger einer umfassenden Agrarproduktion.

Die Fortführung der o. g. Trends, mit ungebremstem Verbrauch landwirtschaftlicher Flächen einerseits und unvermindertem Wachstum der Bevölkerung andererseits, führen zwangsweise zu Nahrungsmittelverknappung mit allen sich daraus ergebenden negativen Konsequenzen. Die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung ist langfristig nur durch den Erhalt von Ackerflächen und der Agrarflächen insgesamt möglich.

Konkurrenten um die landwirtschaftliche Fläche (LF)

Seit den 50er Jahren hat sich die landwirtschaftliche Fläche in Deutschland um rund 20% verringert. Die größten Agrarflächenverluste resultieren aus:

-       Wohnungsbau, Gewerbe- und Industrieansiedlungen sowie Logistikzentren,

-       Straßen, Bahnlinien, Flugplätze, Bergbau und Energieleitungsbau,

-       Wasser- und Freizeitflächen.

Zu den genannten irreversiblen Verlusten landwirtschaftlicher Flächen addieren sich noch die Verluste aus Waldneuanlagen, die im Bedarfsfall für die landwirtschaftliche Produktion wieder nutzbar wären.  An die oben genannten Konkurrenten verlor die Landwirtschaft in Deutschland seit 1950 rund 4 Millionen ha LF. Im relativ kleinen Bundesland Hessen waren es im gleichen Zeitraum 200.000 ha LF. Die Inanspruchnahme landwirtschaftlicher Flächen für Naturschutz und Kompensation kommen noch hinzu, sie entziehen der Landwirtschaft weitere Flächen oder beeinträchtigen die Agrarproduktion durch Nutzungsbeschränkungen erheblich. Diese Flächen werden in der Statistik unverändert mit der Nutzungskennzeichnung LF geführt und sind daher statistisch bei der landwirtschaftlichen Fläche weiterhin mit erfasst. Zuverlässige statistische Zahlen, über diese für die Landwirtschaft weiterhin registrierten, aber ausschließlich dem Naturschutz dienenden Flächen, liegen derzeit nicht vor.

Die wenigen Vertreter des Belangs Landwirtschaft (TÖB) in den Landwirtschaftsbehörden, können die Agrarflächen gegen die zahlreichen Flächenkonkurrenten nur wenig schützen. Gefordert sind ein gesamtgesellschaftlicher Wille zur Erhaltung der Lebensgrundlage LF und ein gesetzliches Gebot zum Erhalt der LF.

Deutschland und Mitteleuropa insgesamt gehören zu den fruchtbarsten Regionen der Welt. Die Standortproduktivität ist hoch und die Erträge sind im Schnitt rund dreimal so hoch als weltweit. Gerade das sind die Gründe, warum wir in unserem wohlstandsverwöhnten Land nicht so leichtfertig und verschwenderisch mit unseren Böden umgehen sollten.

 

 

So kann es auf Dauer nicht weiter gehen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4   Gründe für den unzureichenden Schutz der Agrarflächen

In Deutschland wird das Thema Flächenverbrauch seit über 20 Jahren verstärkt diskutiert. So hat die Bundesregierung im Jahr 2002 in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie festgelegt, den Flächenverbrauch von damals rund 120 ha pro Tag, bis zum Jahr 2020 auf 30 ha pro Tag zu senken. Ein gewisser Rückgang des Flächenverbrauchs war bis 2017 auf 74 ha/Tag zu verzeichnen. Dieser Rückgang ist aber eher auf den demographischen Wandel gerade in den ländlichen Gebieten, mit entsprechend geringerer Baulandausweisung zurückzuführen und nicht auf einschneidende gesetzliche Vorgaben zum Flächenschutz. Die unübersehbaren Folgen einer fortschreitenden Versiegelung von Agrarflächen, für Ernährungssicherung, Ökologie und Biodiversität werden von der Politik nur ansatzweise erkannt. Das 30-Hektar-Ziel bis 2020 wird nicht erreicht werden. Notwendig wären wirksame gesetzliche Vorgaben und ein gesteigertes Bodenbewusstsein in der Gesellschaft insgesamt. Die zurzeit geltenden gesetzlichen Vorgaben und Planungsverfahren können die landwirtschaftliche Fläche kaum schützen.

Die Schwachpunkte beim Agrarflächenschutz sind:

  1. Marktmacht
    Beim Preispoker um die Fläche hat die Landwirtschaft gegenüber den „Nicht-landwirtschaftlichen Konkurrenten“, wie Siedlung und Verkehr sowie Freizeit- und Naturschutzflächen, finanziell keine Chance. Landwirtschaftliche Fläche zu erschließen und als Baugebiet auszuweisen ist erheblich preiswerter als flächensparend zu bauen oder Schrottimmobilien und Industriebrachen mit möglichen Altlasten als Bauland zur Verfügung zu stellen. Die Kosten des Flächenerwerbs für Rohbauland auf der grünen Wiese liegen oft nur zwischen 2 % und 10 % der Gesamtprojektkosten. Zwischen der Bodenrente pro ha für Wohnungsbau, Gewerbe- bzw. Industriebauten und der landwirtschaftlichen Produktion liegen Welten.
  2. Starker gesetzlicher Rückhalt für Eingriff, Kompensation und Forst
    Eingriff: Flächennutzungspläne, Bebauungspläne und Planfeststellungsbeschlüsse entfalten eine hohe rechtliche Durchsetzungskraft, gerade wenn es um Maßnahmen im öffentlichen Interesse geht und vom Enteignungsrecht Gebrauch gemacht werden kann.

    Kompensation: Ist der Eingriff auf der LF in Natur und Landschaft realisiert, folgt zwangsweise die naturschutzrechtliche Kompensation, in der Regel ebenfalls zu Lasten der LF. Der naturschutzrechtliche Ausgleich oder Ersatz wird mit einer Vielzahl von Gesetzen, Richtlinien und Verordnungen begründet, wobei es für die betroffene Landwirtschaft nur schwer nachzuvollziehen ist, ob am Ende der Eingriff zu 100 % oder bis zu 200 % kompensiert wurde.
    Forst: Der forstrechtliche Ausgleich steht im Hessischen Waldgesetz als „kann“ Regelung, wird jedoch in der Regel mindestens flächengleich ( 1:1 Ersatzaufforstung) auf LF realisiert, und sehr oft wird zusätzlich für die Entzugsfläche noch ein naturschutzrechtlicher Ausgleich, ebenfalls durch Inanspruchnahme von LF, vorgenommen.
  3. Gesetze, Verordnungen und Planungsvorgaben zum Schutz der LF zeigen in allen Bundesländern nur geringe Wirkung
    In Hessen beispielsweise kann zum Schutz der Agrarflächen auf 4 Vorgaben zurückgegriffen werden:
    Regionalpläne für Nord-, Mittel- und Südhessen:
    Rund 70 % der hessischen LF sind in diesen Plänen als „Vorrangflächen Landwirtschaft“ ausgewiesen und gemäß Definition für keine andere Nutzung zugelassen. Die Praxis ist jedoch, dass wenn solche Flächen für Siedlungs-, Verkehrs- oder Freizeitflächen benötigt werden, dieser Schutzstatus im Rahmen eines Abweichungsantrags von der „Regionalversammlung“ problemlos aufgehoben werden kann.

    Agrarplanung für Nord-, Mittel- und Südhessen (Fachpläne):
    Diese Pläne liefern ausführliche Begründungen insbesondere für den Erhalt der „Vorrangflächen Landwirtschaft“ in den Regionen, aus Sicht der Feldflurfunktionen (Versorgungs-, Einkommens-, Arbeitsplatz-, Erholungs- und Schutzfunktionen für Landschaft, Boden, Klima und Wasser). Die Argumente appellieren an die Vernunft zum Agrarflächenerhalt, beinhalten aber keine gesetzliche Verpflichtung.
    Baugesetzbuch:
    Hier wurde die Innenentwicklung der Kommunen zwar als Grundsatz, aber nicht als Verpflichtung verankert.

    Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) § 15 und Kompensationsverordnung:
    Beide Rechtssetzungen fordern möglichst keine LF aus der Nutzung zu nehmen und folgende Maßnahmen zu präferieren:

    - Entsiegelung sowie Maßnahmen im Wald und am Wasser,
    - Wasserrahmenrichtlinien- (WRRL) und Natura 2000 Maßnahmen,
    - Bewirtschaftungs-, Pflege- und Aufwertungsmaßnahmen in vorhandenen
      Objekten
    - sowie Wiedervernetzung von Lebensräumen.
    Funktionaler Ausgleich ist im Grundsatz nicht erforderlich; nur wenn es um Artenschutz und geschützte Biotope geht, ist der funktionale Ausgleich und damit i. d. R. die Inanspruchnahme von LF wieder unvermeidlich. Letzteres trifft allerdings beim Gros der Eingriffe zu.
  4. Vertretung von Interessen
    Flächeninanspruchnahme für Industrie-, Gewerbe- und Verkehrsflächen wird wegen der Arbeitsplatzsicherung und Wohlstandsmehrung von der Gesellschaft weit mehr gewünscht, als der Schutz landwirtschaftlicher Flächen. Gleiches gilt für die Ausweisung von Baugebieten und Freizeitgelände. Innenentwicklung sollte vor der Außenentwicklung stehen. Diese Praxis hat sich nur wenig durchgesetzt, weil die Ausweisung von Baugebieten auf der grünen Wiese konkurrenzlos billig ist. Auch der Naturschutz hat in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Hinzu kommt, dass gerade wegen der Gerichtsfestigkeit von Planfeststellungsbeschlüssen und Bauanträgen, für die Kompensation lieber mehr als zu wenig eingeplant wird. Solange die Regale in den Supermärkten voll sind, ist das Engagement für den Erhalt landwirtschaftlicher Flächen in Politik und Gesellschaft nur wenig ausgeprägt.
  5. Die Landwirte selbst können kaum etwas zum Flächenschutz beitragen
    Fast 80 % der LF in den Wachstumsbetrieben sind Pachtflächen. Hier entscheidet über die weitere Verwendung der LF nicht der Bewirtschafter als Pächter, sondern der Verpächter als Landeigentümer. Der Verpächter entscheidet nach ökonomischen Gesichtspunkten, wobei der Pächter i. d. R. die Fläche verliert. Die LF, die sich im Eigentum der praktizierenden Landwirte befindet, hat allgemein auch keine besseren Chancen LF zu bleiben, denn die praktizierenden „Agrarökonomen“ treffen ebenfalls ihre Entscheidungen bei Baulandausweisungen zwischen „Daumen und Zeigefinger“.


5   Ansätze zur Umkehr des Flächenverbrauchs

  1. Schaffung gesetzlicher Vorgaben zum Schutz der landwirtschaftlichen Flächen. Die gesetzliche Hürde für die Inanspruchnahme wertvoller Ackerflächen muss höher werden. Dazu bedarf es wirksamer Formulierungen im BNatSchG und in den Kompensationsverordnungen der Länder. Eine Bundes-Kompensationsverordnung könnte vieles grundsätzlich regeln, liegt aber auf Eis wegen Nichteinigung in der vorherigen Koalition. Warum gelingt es nicht den landwirtschaftlichen Flächen den gleichen Rechtsstatus zu verleihen wie dem Wald? Warum können die Ackerflächen nicht einen vergleichbaren Schutz haben wie z. B. FFH-Gebiete?
  2. Uneingeschränkte Umsetzung der Kompensation als Ersatzmaßnahmen in folgenden Projektbereichen:
    a)  FFH- und VS-Gebieten  (Natura 2000),
    b)  WRRL – Projekte (insbesondere Uferrandstreifen usw.),
    c)  Maßnahmen im Wald,
    d)  Bewirtschaftungs- und Pflegemaßnahmen zur dauerhaften Aufwertung von
         Naturhaushalt und Landschaftsbild,
    e)  Entsiegelung,
    f)   Wiedervernetzung von Lebensräumen und
    g)  produktionsintegrierte Kompensationsmaßnahmen die noch eine vernünftige
         Produktion zulassen.
        
  3. Verluste von Waldflächen sollten flächenmäßig nur teilweise und schon gar nicht doppelt nach Forst- und Naturschutzrecht kompensiert werden. Die naturschutzrechtliche Kompensation sollte als ökologische Aufwertungen ausschließlich im Wald selbst stattfinden.
  4. Die Inanspruchnahme von in der landwirtschaftlichen Nutzung befindlichem Acker- und Grünland für Siedlungs- und Verkehrsmaßnahmen, sollte nur in unabwendbaren Einzelfällen zugestimmt werden. Um dem Nachdruck zu verleihen sind landwirtschaftliche Flächen mit einer hohen Sonderabgabe zu belegen.
    Dieses Geld sollte in einen „Gebäudeabwrackfonds“ fließen. Mit den Finanzmitteln könnte ein Förderprogramm zum Rückbau und Ankauf von Schrottimmobilien aufgelegt werden. Gewerbe- und Industriebrachen sowie leerstehende Wohngebäude und verlassene Höfe könnten so abgerissen und zu bebaubaren Flächen aufgewertet werden. Eine solche Förderung könnte der Innenentwicklung endlich einen Konkurrenzvorteil gegenüber der Außenentwicklung, dem Bauen auf der „grünen Wiese“, verschaffen.
  5. Strenge gesetzliche Regelungen zum Rückbau bzw. Rückkauf nicht genutzter und dem Verfall überlassenen Bausubstanz sowie entschädigungslose Rücknahme ungenutzter Baurechte im Innenbereich.
  6. Interkommunale Gewerbegebiete könnten verhindern, dass nicht jede Kommune - mit Hoffnung auf zukünftige Gewerbesteuer - Baugebiete erschließt.
  7. Für die Bauleitplanung wird im § 1 Abs. 6 Nr. 7 Baugesetzbuch (BauGB) eine Prüfung der hier genannten „umweltrelevanten Belange“ gefordert. In der Planfeststellung müssen gemäß § 2 Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz (UVPG) die genannten Schutzgüter untersucht werden. Beides, „umweltrelevante Belange“ und „Schutzgüter“ beinhalten vergleichbare Faktoren, die im Hinblick auf ihre Eingriffsbetroffenheit zu überprüfen sind. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um folgende Faktoren:
    - Mensch
    - Tier/Pflanze (Artenschutz, Lebensraumtypen und Biotope)
    - Boden,  Wasser, Klima, Luft
    - Landschaftsbild und
    - Kulturgüter

    Die Faktoren hinter denen eine starke Fachgesetzgebung steht, wie beispielsweise geschützte Arten, Lebensraumtypen und Biotope sowie Wasser und Luft, genießen einen hohen Schutz. Der Faktor Boden beispielsweise und hier insbesondere der quantitative Bodenschutz haben wegen weitgehend fehlender gesetzlicher Vorgaben nur einen geringen Schutz. Im BauGB, Bundesbodenschutzgesetz, Bundesnaturschutzgesetz und der Kompensationsverordnung stehen zwar viele Aufforderungen zum sparsamen Umgang mit Boden, eine konkrete Handlungsanweisung oder gar gesetzliche Verpflichtungen gibt es nicht.

6  Fazit

Deutschland ist trotz bester Standortbedingungen für die Landwirtschaft aber wegen permanent schrumpfender Agrarflächen, Nettoimporteur von Agrargütern. Wir nutzen bereits die landwirtschaftlichen Flächen in fernen Ländern für unseren eigenen Nahrungsmittelbedarf. Wir beanspruchen dank unserer Finanzkraft den Boden in anderen Erdteilen für unseren Mehrbedarf und vernichten gleichzeitig unsere fruchtbaren Böden.

Die Erhaltung der LF als Basis der Ernährungssicherung sollte nicht nur im Interesse der Landwirte liegen. Sondern das mit Abstand größte Interesse am Agrarflächenschutz und damit an einer gesicherten Nahrungsmittelproduktion sollte jeder Verbraucher haben. Eine Trendwende der fortschreitenden LF-Verluste ist aber trotz aller „Good-Will“ Bekundungen nicht erkennbar.

Bei den vollen Regalen der Supermärkte gerade in der westlichen Welt, ist es für die meisten Menschen heute nur schwer vorstellbar, dass die Welt insgesamt schon seit einiger Zeit auf Reserve fährt. Für die Landwirte ist der Boden in erster Linie die wirtschaftliche Existenz, für jeden einzelnen Menschen auf der Erde ist er aber die unverzichtbare Lebensgrundlage. Daher muss es ein gesamtgesellschaftliches Interesse geben, die Agrarflächen für den mit dem Bevölkerungswachstum wachsenden Nahrungsmittelbedarf umfassend zu schützen.

Lebensdienlich ist nicht eine kurzatmige Renditekultur, sondern eine Wirtschaftskultur, die Überlebensfähigkeit auch für Enkel und Urenkel nachhaltig sichern kann. Dazu gehört dann auch der konsequente Agrarflächenschutz und eine Mindest-Selbstversorgung im eigenen Land.

Dr. Günther Lißmann, Kassel 2017