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Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger KS                 03.08.2018

www.lissmann.eu       ge.lissmann@gmx.de                   Tel: 0561/473348

 

Versiegelungen von Kulturlandschaften, für Objekte die wir nicht benötigen, zerstören unsere Lebensgrundlage

 

Kurzbeitrag zur Info- und Diskussionsveranstaltung am 09.08.2018 anlässlich des Bürgerentscheids zum geplanten Bau eines Outlet-Centers in Pohlheim/Garbenteich

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

In meinen folgenden Ausführungen gehe ich nicht darauf ein, welche wirtschaftlichen Auswirkungen das geplante FOC in Garbenteich, beispielsweise auf die Innenstädte von GI, WZ und MR hätte, das werden Sie noch in den folgenden Beiträgen hören.

Mein Ziel ist es, sie dahingehend zu sensibilisieren, warum weitere großflächige Versiegelungen von Kulturlandschaften, unsere Lebensgrundlage zerstören. Einer fortgesetzten Versiegelung von Acker-, Grünland-, Wald- und Naturschutzflächen ist insbesondere dann zu widersprechen, wenn die Objekte in ihrer Gesamtbilanz, auch unter Einbeziehung von ökologischen und Nachhaltigkeitsaspekten, eine negative Bilanz aufweisen.

 

Endliche Erde

Ein unendlicher Ressourcenverbrauch auf einer endlichen Erde ist nicht möglich. Heute wissen wir sehr genau, dass Bodenschätze wie beispielsweise Kupfer, Zinn, Zink, Phosphor, Kali nur noch für wenige Generationen vorhalten. Gleiches gilt für die fossilen Energieträger wie Kohle, Öl und Gas, die uns die heutige Lebensweise im Wohlstand erst ermöglicht haben. Endlich sind ebenfalls unsere Agrarböden, von denen wir nachhaltig leben könnten, die aber durch fortgesetzte Versieglungen zerstört werden. Nur ein sparsamer und nachhaltiger Umgang mit diesen lebensnotwendigen Ressourcen kann für nachfolgende Generationen die Lebensgrundlage auf der Erde erhalten.

 


 
 

Die Phosphorvorräte für die Pflanzendüngung werden auf Restverfügbarkeiten von 50 bis 100 Jahre geschätzt. Gleiches gilt für die Ölquellen in der Wüste.

Umweltschäden

Nicht nur der wachsende Verbrauch dieser endlicher Ressourcen setzt der Menschheit Grenzen, auch die damit einhergehenden Umweltschäden zeigen heute sehr deutlich, dass wir mit unserer Wirtschaftsweise an Grenzen stoßen. Die in den vergangenen Jahrzehnten enorm gestiegene Nutzung fossiler Energieträger für Heizung, Konsumgüterproduktion und Verkehr, schädigen massiv unsere Luft. Die Auswirkungen des Klimawandels sind in diesem Sommer bei uns extrem zu spüren. Weltweites Bevölkerungswachstum sowie weiter steigende Konsumgüterproduktion lassen die vorhandenen Wasserreserven ebenfalls zu einem knappen und oft wegen Schadstoffeintrag zu einem belasteten Gut werden.

 

   

Klimawandel und Luftverschmutzung sind nicht mehr zu bestreiten.

 

Unsere Wirtschaftsweise bezüglich des Konsums ist auf eine unendliche Ressourcenverfügbarkeit und Belastbarkeit unseres Planeten ausgelegt. Diese Wirtschaftsphilosophie stößt aber an die reale Endlichkeit der Erde. Die Existenz der Menschheit ist auf Sicht absolut gefährdet, wenn die Menschen nicht selbst ihre Wirtschaftsweise ändern. Wohlstandsmaximierung nur unter dem Aspekt des Konsumwachstums zu sehen, wird keine Zukunftslösung sein können.

 

Agrarflächenverbrauch

Neben den angesprochenen lebensnotwendigen Ressourcen, wie Bodenschätze, fossile Energieträger, Wasser und Luft, die wir unwiederbringlich verbrauchen bzw. zerstören, ist es vor allem auch der Agrarboden, den wir uns durch jede weitere Baumaßnahme „auf der grünen Wiese“ unter den Füßen wegziehen.

 

Mit immer weniger Agrar- und Naturflächen, reduzieren wir zunehmend unsere Nahrungsgrundlage und den Lebensraum für Biodiversität. Eine weitere Versiegelung von Kultur- und Naturlandschaften ist vor allem dann abzulehnen, wenn das für Objekte geschieht, die wir nicht benötigen. Sündenfälle dieser Art gibt es genug, das Outlet-Center in Garbenteich wäre ein weiterer solcher Sündenfall, wenn es umgesetzt würde.

 

 

 Flächenverbrauch und Bevölkerungswachstum reduzieren
 die Agrarflächen pro Kopf auf ein beängstigendes Minimum

Zunehmende Bodenversiegelung und das ungebrochene Wachstum der Weltbevölkerung lassen die Ackerfläche pro Kopf der Weltbevölkerung auf Werte unter das Existenzminimum schrumpfen.

 

Seit 1990 wurden in Deutschland rund 1 Million Hektar landwirtschaftliche Flächen (LF) für Siedlung- und Verkehr versiegelt. Dazu kamen 0,6 Millionen Hektar LF als naturschutzrechtliche Ausgleichsflächen hinzu. Das waren in den vergangenen knapp 30 Jahren 10% der LF die in Deutschland der Agrarproduktion entzugen wurden. Wenn diese Entwicklung nicht bald gestoppt wird, sind Verteilungskämpfe um die letzten Ressourcen vorprogrammiert. Auf Importe aus dem Ausland kann nicht gehofft werden, da dort vergleichbare Entwicklungen vorherrschen.

 

Ökonomisches-ökologisches Gleichgewicht

Ein Ausweg aus unserer derzeitigen Wirtschaftsweise, die die Grenzen unseres Planeten sprengt, ist dringend erforderlich. Die Globalisierung wird noch zu oft allein unter dem Aspekt des freien Handels betrachtet. Dabei weisen seit Jahren alle Daten zum Verbrauch unserer endlichen Ressourcen steil nach oben. Als Folge wandelt sich unser Erdsystem radikal, wie Klimawandel und der Verlust der Biodiversität zeigen. Wir brauchen eine Wirtschaftsweise, die die Übernutzung unserer Erde stoppt und trotzdem ein „qualitatives Wachstum“ und Arbeitsplätze schafft. Ein solches Ökonomisch-ökologisches Gleichgewicht muss effizient und nachhaltig sein.

 

Wachstum muss sich vom unwiederbringlichen Rohstoff- und Flächenverbrauch entkoppeln. Nur ein auf Nachhaltigkeit angelegtes Wirtschaftssystem ermöglicht dauerhaft ein friedliches Zusammenleben. Die Entscheidung zwischen Katastrophe und Neuordnung des menschlichen Zusammenlebens erfordert nicht nur die Lösung ökonomischer und politischer Fragen – sie schließt auch die religiöse Frage nach dem Sinn unseres Daseins ein. Die grenzenlose Nutzung unserer endlichen Ressourcen und die damit verbundene Umweltzerstörung zu stoppen, ist die Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert.

 

Kinder tragen die Konsequenzen

Während diese Übernutzung der Erde vor allem auf das Konto der heute lebenden Generationen geht, werden es unsere Kinder und Enkelkinder sein, die die Konsequenzen dieser Wirtschaftsweise zu tragen haben.

Umso wichtiger ist es, dass gerade – die junge Generation - sich für ihre Welt von Morgen engagiert.

In diesem Zusammenhang rufe ich alle Bürger und insbesondere die Jugend der Gemeinde Pohlheim auf, sich am Bürgerentscheid am 19.08.2018 zu beteiligen.

Langfristig kommt es nicht darauf an ein möglichst billiges Marken T-Shirt zu erwerben, sondern unsere Erde als Lebensstandort für zukünftige Generationen zu erhalten.

 

Wir haben keine zweite Erde

 

 

 

 

 

Wir erben das Land nicht von unseren Vorfahren, wir leihen es von unseren Kindern.

 

Dr. Günther Lißmann, Kassel 08.08.2019