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Vorgehensweise bei der Ermittlung von Wildschäden

Für die Wildschadensschätzung sind die jährlich aktuell erscheinenden Richtwerte für Aufwuchschäden ein unverzichtbares Hilfsmittel zur Erstellung der Schadensgutachten. Im folgenden Artikel erläutert Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger aus Kassel die Vorgehensweise bei der Wildschadenskalkulation und die Anwendung der Richtwerttabellen.

Wird der Wildschadensschätzer von der Gemeinde zur Schadensfeststellung im Vorverfahren beauftragt, so hat er vor der Schadensfeststellung grundsätzlich drei Fragen zu klären:

  1. Wurde der Schaden vollständig oder teilweise von ersatzpflichtigen Wildtieren (nach Bundesjagdgesetz: Schalenwild, Wildkaninchen und Fasanen) verursacht? Bei Unsicherheiten zur Schadensursache ist der Geschädigte beweispflichtig.
  2. Handelt es sich bei dem Schaden um schadensersatzpflichtige oder um nicht schadensersatzpflichtige Kulturen?
  3. Befindet sich der Wildschaden auf bejagbarer Fläche oder in einem befriedeten Bezirk wo die Jagd ruht?

Normalertrag ermitteln

Haben Wildschadenschätzer und Schadensbeteiligte im Ortstermin, durch die eindeutige Beantwortung dieser Fragen die Schadensersatzpflicht festgestellt, kann für den Wildschadensschätzer die Schadenskalkulation beginnen. Grundsätzlich gilt: Was auf der Schadensfläche unter dem nicht durch Wildschaden geschädigten Normalertrag liegt, ist Schaden. Die schwierigsten Fragen sind demzufolge: Wie hoch wäre der Normalertrag ohne Wildschaden gewesen und wie hoch ist der Restertrag noch auf der vom ersatzpflichtigen Wild geschädigten Fläche? Generelle Aussagen zum Normalertrag im Erntejahr können nicht gemacht werden. Das Ertragsniveau ist immer abhängig von der durchschnittlichen Standortbodenqualität und der individuellen Bewirtschaftungsintensität durch den Landwirt. Bei wechselnden Bodenqualitäten innerhalb des Schlages und Waldrandlagen können je nach Lage der Schadensfläche auch noch besondere Zu- und Abschläge erforderlich werden.

Erträge bei Mähdruschfrüchten

Solange noch Teilbestände auf dem Feld vollkommen unbeschädigt geblieben sind, was in der Regel der Fall ist, kann die Feststellung des Normalertrags in diesen Teilabschnitten erfolgen. Gerade bei Getreidebeständen kommt es hier auf das geübte Auge und auf langjährige praktische Erfahrung des Schätzers an, um Erträge auf dem Halm sicher schätzen zu können. Bei der Schätzung von Totalschäden oder flächendeckenden Teilschäden, muss von vergleichbaren Beständen ausgegangen werden, die nicht unmittelbar am Schadensort stehen. Letztlich lässt sich auch auf statistische Werte aus dem gleichen Gebiet zurückgreifen, bei denen noch begründete Zu- oder Abschläge vorgenommen werden können.

Reihenfrüchte bewerten

Bei Reihenfrüchten lassen sich fast immer ausreichend ungeschädigte Pflanzen in der Reihe finden, von denen ausgehend der Normalertrag pro Hektar bestimmt werden kann. Entweder durch das geübte Auge des Schätzers oder durch Probeerntung. Für Letzteres ist eine Fläche von drei bis fünf Quadratmetern, verteilt über einen Hektar zu ernten und zu wiegen. Das Ergebnis kann dann auf den Hektarertrag hochgerechnet werden. Ein Quadratmeter Erntefläche lässt sich leicht bestimmen, indem man 1 durch den Reihenabstand in Meter dividiert. Man erhält so den Reihenabschnitt in Metern der für einen Quadratmeter Erntefläche zu roden/ernten ist. Bei einem Reihenabstand bei Mais von beispielsweise 0,625 m beträgt der Reihenabschnitt in der Reihe (1 : 0,625 m) gleich 1,6 m, um genau die Probeerntung für einen Quadratmeter Mais durchzuführen. Bei Kartoffeln mit einem Reihenabstand von beispielsweise 0,75 m beträgt der Reihenabschnitt für die Probeerntung von einem Quadratmeter (1 : 0,75 m) gleich 1,33 m.

Grünlanderträge

Einen einfachen Weg zur Ermittlung des Grünlandertrags zu finden ist noch schwieriger. Probeerntungen sind hier sehr aufwendig. Eine für den Wildschadensschätzer praktikable Lösung ist dagegen die Ableitung des Grünlandertrags von Nutzungsform und Bewirtschaftungsintensität. Eine ausführliche Tabelle dazu findet sich im Internet bei  www.lissmann.eu  unter <Richtwerte>. Dazu muss man an der geschädigten Grünlandfläche nur erkennen, ob es sich beispielsweise um eine Hutung, Mähweide, intensive Silagenutzung etc. handelt und kann dann dafür in der Tabelle die entsprechenden Schadensersatzrichtwerte ablesen. Bei der Ermittlung der Grünlandschäden ist darauf zu achten, dass die Schadensersatzleistung sich immer aus den beiden Schadenspositionen Aufwuchsschaden und Reparaturkosten für die Grasnarbe zusammen setzt.

Feststellen der Schadensfläche

Nachdem der Schätzer die Schadensursache und den Normalertrag festgestellt hat, bleibt seine Aufgabe, den tatsächlichen Schaden zu ermitteln. Dabei gilt es zunächst einmal die genaue Schadensfläche auszumessen. Dafür können Maßband, Feldzirkel, Messrad oder elektronische Entfernungsmesser zum Einsatz kommen. Danach gilt es festzustellen, wie hoch der prozentuale Schaden auf der Schadensfläche ist. Dieser kann anlässlich der Schadensfeststellung im Erntezeitraum zwischen ein Prozent bei beispielsweise leichtem Rehverbiss und 100 Prozent bei Totalschaden durch beispielsweise Wildschweine, taxiert werden.

 

Typische Schwarzwildschäden im Getreide                                                                           Foto: Lißmann  

Totalschäden

Bei Totalschäden ist die geschädigte Fläche in Quadratmetern mit dem jeweiligen Schadensersatzrichtwert pro Quadratmeter aus der Richtwerttabelle zu multiplizieren. Je nach Kulturart und ermittelter Ertragsstufe ist der entsprechende Richtwert in der Tabelle auszuwählen. Wenn der Totalschaden sich auf einen kompletten Schlag bezieht oder in einem großen Schlag eine zusammenhängende Fläche von über einem Hektar einnimmt, können möglicherweise auch noch einsparbare Kosten geltend gemacht werden. Zum Beispiel könnten eingesparte Ernte-, Transport- und Einlagerungskosten den Schaden mindern. Dafür sind dann aber mögliche Aufräumkosten in Rechnung zu stellen. Tabellen über einsparbare Kosten für nicht durchgeführte Teilarbeitsgänge sind ebenfalls unter der Internetadresse www.lissmann.eu einsehbar.

Teilschäden

Wenn Schäden über den gesamten Schlag diffus verteilt sind, stellt der Schätzer durch überschlägige Schätzung fest, um wie viel Prozent der Normalertrag auf der Gesamtfläche reduziert ist. Die Schadensberechnung aus Schlaggröße in Quadratmetern multipliziert mit dem Schadensersatzrichtwert pro Quadratmeter wird dann noch um den prozentualen Schädigungsgrad (0,01 bis 1) erweitert.

Beispiel:

Schwarzwild hat auf einem 1,2 ha Haferschlag, diffus verteilt etwa 10 % des Getreides verbissen und zertreten. Daraus ergibt sich folgende Schadensberechnung:

12.000 m2 Schadensfläche x 0,1 Schädigungsgrad x  0,14 €/ m2 (s. Richtwerttabelle, Ertragsstufe III) = 168 € Schadensersatz

Schlagzerlegung

Zeigt ein großer Schlag sehr unterschiedliche Wildschadenssegmente auf, so kann der Schlag auch in Teilflächen zerlegt werden und den Teilflächen können unterschiedliche Ertragsstufen und Schädigungsgrade (0,01 bis 1) zugeordnet werden.

Beispiel: Rotwild hat einen Haferschlag von 5 ha in unterschiedlichen Teilsegmenten beäst und zertreten:      

Teilsegment

Größe

Schädigungsgrad

Ertragsstufe

€/m2

Schadensersatz

1

0,8 ha

0,3

III

0,14

336 €

2

0,5 ha

0,8

II (wegen  Waldrandlage)

0,12

480 €

3

1,0 ha

0,1

III

0,14

140 €

Wildschadensersatz insgesamt:

956 €

Ersatzfrucht als Schadensminderung

Waren die o. g. Beispiele Kalkulationen für den Schadensersatz in der Ernte, soll nun noch ein Beispiel gebracht werden für den Schadensersatz in Verbindung mit der Neuansaat einer Ersatzfrucht als Schadensminderungsmaßnahme.

Beispiel:

Totalverlust von 1 ha Winterraps im März durch Rotwild, erwarteter Ertrag 40 dt, dafür Ersatzaussaat von 1 ha Sommerweizen als Schadensminderungsmaßnahme.

1. Kosten für die zusätzliche Sommerweizenaussaat

Teilarbeitsgang

variable Maschi-nenkosten/ha

Produktions-mittel/ha

Arbeits-kosten/ha

Summe in €

Pflügen, 4 Schare

64,00 €

 

38,00 €

102,00 €

Saatbettbereitung

18,00 €

 

  11,60 €

29,60 €

Aussaat

15,50 €

114,00 €

16,80 €

    146,30 €

Pflanzenschutz

  4,30 €

50,00 €

  5,60 €

59,90 €

Summe

101,80 €

  164,00 €

72,00 €

337,80 €

Quelle: KTBL-Datensammlung und eigene Berechnungen, AK-Stunde = 20 €

2. Marktwertdifferenz zwischen Raps und Sommergerste

Raps:

40 dt x 1 ha x 51 € = 2.040 €

Sommerweizen:

65 dt x 1 ha x 24,5 € = 1.592 €

Marktwertdifferenz:      448 €

Schadensersatz (Aussaatkosten 338 € + Marktwertdifferenz 448 €)

Der Wildschadensersatz beträgt in diesem Beispiel 786 €.

Dr. Günther Lißmann, Juli 2012