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Miteinander statt gegeneinander

Landwirtschaft und Jagd erfordern gegenseitiges Verständnis

Landwirte und Jagdpächter nutzen die gleichen Flächen. Der Landwirt hat das Ziel, seine Flächen zu bewirtschaften, möglichst wenig Wildschaden zu haben und als Mitglied der Jagdgenossenschaft einen angemessenen Betrag als Jagdpacht für die eingebrachten Flächen zu bekommen. Der Jagdpächter verfolgt das Ziel, einen Jagdbezirk zu begehen, in dem eine entsprechende Wilddichte und Wildvielfalt vorhanden ist, denn nur dafür ist er bereit, eine angemessene Jagdpacht zu zahlen. Eine höhere Wilddichte bewirkt einen höheren Wildschadensdruck und hier wird deutlich, dass Landwirte und Jagdpächter konkurrierende Ziele verfolgen. Wenn der Zielerreichungsgrad des einen ansteigt, sinkt der des anderen und umgekehrt. Die Lösung des Problems liegt im gegenseitigen Verständnis und dem gemeinsamen Ziel, Wildschäden zu verhüten und Entschädigungsleistungen über „gütliche Einigungen“ zu vereinbaren.

Im §1 des Bundesjagdgesetzes (BJG) wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass mit dem Jagdrecht auch die Pflicht zur Hege verbunden ist. §1 (2) führt dazu aus:

„Die Hege hat zum Ziel die Erhaltung eines den landwirtschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlage. Die Hege muss so durchgeführt werden, dass Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden, möglichst vermieden werden.“

Der zweite Satz im § 1 Abs. 2 weist darauf hin, dass die Hege so durchgeführt werden soll, dass Beeinträchtigungen der ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung in Folge von Wildschäden nicht entstehen sollen. Was ist zu tun, wenn ein Jagdpächter seinen Verpflichtungen gemäß § 1 BJG nicht nachkommt?

Bei Rot- und Rehwild existieren vorgegebene Abschusspläne, die je nach Wildschadensituation durch die Untere Jagdbehörde angepasst werden können.  Für das Schwarzwild, die größten Schadensverursacher auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen, gibt es solche Vorgaben nicht. Jagdfachliche Gründe wie beispielsweise, dass sich Schwarzwildbestände in einem Revier sehr schnell verändern und der Jagdpächter an einen Abschussplan gebunden wäre und nicht situativ kurzfristig auf das aktuelle Schwarzwildvorkommen reagieren könnte, sprechen dagegen. Sollte ein Jagdpächter im Hinblick auf seine Hegeverpflichtung der Bestandsregulierung beim Schwarzwild nicht nachkommen und dadurch eine „ordnungsgemäße Landwirtschaft“ nicht mehr möglich sein, dann könnte auch hier die Untere Jagdbehörde Zwangsbejagungsmaßnahmen anordnen. Solche Zwangsmaßnahmen sind bei Schwarzwild aber nur schwer begründbar und mir ist auch kein Fall bekannt, dass eine solche Zwangsbejagung für Schwarzwild schon einmal angeordnet worden wäre. Ist ein Jagdrevier von hohen Wildschäden betroffen, so kann das Problem nur gemeinsam von Jagdpächter, Jagdgenossenschaft und Landwirten gelöst werden. Hohe Schwarzwildbestände sind nicht ausschließlich dem Jagdpächter anzulasten, sondern auch den sich verändernden Klima- und Anbaubedingungen sowie einem hohen Waldanteil in der Region. Weniger kalte Wintermonate, häufigere Mastjahre, ausgedehnte Naturverjüngungsflächen in den Wäldern und große Ackerschläge mit Raps, Getreide sowie Mais bieten dem Schwarzwild ganzjährig ideale Deckung und ein reichhaltiges Futterangebot.  

 

Voraussetzung für die Lösung der stark zunehmenden Wildschadenproblematik sind engagierte Jagdpächter aber auch Landwirte, die ihren Beitrag zur Wildschadenverhütung leisten. Der Jagdpächter sollte alle Möglichkeiten zur Bestandsreduzierung ausschöpfen und der Landwirt sollte auch Leistungen erbringen zu denen er gesetzlich nicht unbedingt verpflichtet ist. Zu Letzterem gehören beispielsweise: Schussschneisen in großen Mais- und Rapsschlägen anlegen, zwischen Kultur und Waldrand ausreichend Platz lassen sowie einen Beitrag zur Zäunung und deren Instandhaltung leisten.

Die im neuen EU-Prämienrecht für die Landwirtschaft geltenden Vorschriften und die von den Ländern angebotenen Agrarumweltmaßnahmen (AUM) bieten zukünftig eine breite Palette von Möglichkeiten zur Wildschadensverhütung. Maßnahmen wie beispielsweise ein- und mehrjährige Blühstreifen oder Blühflächen, Ackerrandstreifen, Gewässer- und Erosionsschutzstreifen, Stilllegungs- sowie Ackerwildkräuterflächen, die für das Greening und AUM angerechnet werden, können zukünftig einen signifikanten Beitrag zur Wildschadenverhütung leisten. Gerade die Greeningmaßnahmen, die ohnehin umzusetzen sind sollten für die Wildschadensverhütung konsequent genutzt werden. Voraussetzung ist, dass alle im Jagdrevier wirtschaftenden Landwirte ihren Beitrag leisten.

Sind alle Maßnahmen zur Wildschadensverhütung ausgeschöpft, so gilt es die dennoch entstehenden Wildschäden einvernehmlich zu regeln. Wildschadensverhütung geht nur miteinander nicht gegeneinander. Wenn Jagdpächter und Landwirte, wie in einigen Jagdrevieren der Fall, nur auf ihren Rechten beharren endet die Jagdverpachtung im Chaos. Nur mit gemeinsamen Anstrengungen, lässt sich das aus einer eindeutig wachsenden Wildschweinpopulation (s. Übersicht)  resultierende Wildschadensproblem lösen.    

Dr. Günther Lißmann, September 2018